Mittwoch, 14. November 2012

Warum ich Karneval nicht verstehe

Alle Jahre wieder - gerade erst habe ich mich an die weihnachtliche Produktpalette in den Supermärkten gewöhnt - läuft mir dieser 11.11. wieder über den Weg. Um genau zu sein, tut er das erst seit ich in dieses wunderbare NRW gezogen bin, dazu gleich mehr. Vorweg jedoch ein Disclaimer:

Ich habe kein Problem mit dem Karneval und Menschen, die ihn feiern - solange ich nicht mitmachen muss oder soll. Und warum ich das nicht will, darum geht es ja hier. Darum steht im Titel "ich".

(Ein Schmankerl inspiriert vom 11.11.2011, den ich im Kölner Hbf erleben durfte.)

Ich als gebürtiger Niedersachse (und dann auch noch vom Lande, aus dem Kaff) kenne den 11.11. eher als Schnapszahldatum denn als Grund, daraus ein Schnapsbezahl- (und -trink) -datum zu machen. Karneval war für mich immer eine Belustigung für Schulkinder (ein guter Grund, einen Tag keinen Unterricht zu machen), aber niemals ein Grund für Erwachsene, zu feiern. Das mag in Niedersachsen je nach Region variieren, aber generell ist das mein Eindruck und meine Erinnerung aus jenem Ort zwischen Ems-, Ammer- und Ostfriesland. Einen Umzug mit Kostümierten, Wagen und Bonbons  gab es lediglich ein paar Käffer weiter, und selbst dort nur alle paar Jahre. Und wenn ich ehrlich bin, ist (aus heutiger Sicht) das provinzielle Gehabe der dortigen Zeitgenossen auf Parties für mich sehr viel lustiger, als es die bei Karnevalsveranstaltungen üblicherweise gespielte Musik jemals sein können wird. Okay, das war ein unfairer Vergleich. ALLES ist lustiger als Karnevalsmusik.
(Der Hass beginnt durchzuscheinen)

Der Karneval als heutiger Brauch, so lehrt uns Wikipedia, ist eng mit der katholischen Kirche und der Fastenzeit verknüpft. (Der 11.11. gehört zur Fastenzeit vor Weihnachten.) Zwar sind ähnliche Feste schon vor 5000 Jahren gefeiert worden, aber hey - wenn es ein kulturelles Urheberrecht auf Feste gäbe, dann würde nicht nur die katholische Kirche noch heute auf den Schuldzinsen der Lizenzgebühren für ihre Hochfeste sitzen.
Der Karneval war einmal die jährlich gewährte Freiheit, straffrei die Kirche und später auch den Staatsapparat parodieren zu dürfen - daher kommt übrigens das pseudomilitärische Element mit Uniformen und Karnevalsgruß. Doch das muss ich nicht weiter ausführen, denn der geneigte Leser wird schon verstanden haben: das, was im Rheinland an Tagen wie dem 11.11. und noch viel mehr kurz vor Aschermittwoch geschieht, hat damit nur noch wenig zu tun. Nicht, dass uns das in einer Welt, in der Last Christmas existiert, noch wundern dürfte.

Der ein oder andere mag nun einwenden, es gäbe doch politische Aschermittwochs und viele politisch angehauchte Karnevalswagen, aber: das ist nicht der Karneval, auf den ich hinaus möchte. Das ist Kultur. Das ist Brauchtum. Ich rede vom Karneval das kleinen Mannes.

Richtig: Alkohol, KIK-Kostüme und ebenso billig zur Schau gestellte Reize.

Das sei doch alles gar nicht wahr, und bei Ihnen ist es immer ganz gesittet? Dann fahren Sie mal nach Köln oder eine beliebige andere Stadt dieser Gegend. Kaufen Sie sich ein Kostüm, in dem Sie nicht auffallen, oder noch besser, behalten Sie den Strickpullunder mit Rautenmuster gleich an! Schließlich sind wir schon im 21. Jahrhundert, da geht sowas als Parodie des Bürgertums durch. Der Karneval, den Sie erleben werden, ist ein kulturell etabliertes Fest an dem man statt der Kirche nun die eigenen Vorstellungen von Treue und Moral parodiert, und nebenbei auch das, was man zwei Tage zuvor noch als "guten Geschmack" bezeichnet hätte. Es ist eine Veranstaltung, die sich selbst ernster nimmt als die preußische Armee es mit dem Erbfeind Frankreich je getan hat.

Aber im Ernst: Karneval im Rheinland ist etwas, das sich mir in etwa so verständlich präsentiert wie die Tatsache, dass die Mehrheit der Deutschen die Regierung scheiße, die Merkel aber toll findet. Vielleicht kommt es daher, dass ich generell lieber leise - bei Gesprächen - feiere als laut. Ich bin schließlich auch kein Discogänger; das höchste der Gefühle auf meiner persönlichen Ausflipp-Skala ist ein Livekonzert. Am genau anderen Ende dieser Skala befindet sich Karnevalsmusik zwischen Cowboy & Indianer, Das rote Pferd und Die Hände zum Himmel - und dazu Menschen, die die festgelegten Bewegungen mitmachen.

(Ein Schmankerl aus dem diesjährigen 11.11., den ich - weise geworden - zu Hause verbrachte)

Beschriebene Situation eignet sich wunderbar zum Aufzählen diverser Fragen, die sich mir dabei stellen:
  • Welcher Misanthrop schreibt solche Texte?
  • Welcher Produzent macht davon eine nicht ironische Aufnahme?
  • Warum klingt das alles so Neunziger?
  • Welcher kaputte Hobbychoreograf hat neben dem Körperzellen-Rock das hier verbrochen?
  • Wo lernt überhaupt irgendjemand das?
  • Wieso machen das alle mit?
  • ERWARTEN DIE DAS ETWA AUCH VON MIR?!?!?!
Die letzte Frage zielt übrigens auf mein Kernproblem: Selbst wenn ich von vornherein kategorisch ausschließe jemals in diesem Leben am Karneval teilnehmen zu wollen, fragt man mich zwei Tage vorher nach meinem Kostüm. Verneine ich meine Teilnahme erneut, so kommt es so: "Oooooch... du Spaßbremse!" Nicht einmal mein persönlicher Tupperteufel lädt mich zu ihren kultischen Verkaufsveranstaltungen derart vehement vor.

Doch zum Glück ist am Aschermittwoch alles vorbei, den 11.11. muss ich zum Glück ja noch kürzer ertragen. Dann werden auch die fanatischsten Karnevalisten wieder zu normalen Menschen und all die Tonträger mit Karnevalsmusik werden wieder zwecks Musikfolter in die CIA-Folterknäste zurückgekarrt.

Wahrscheinlich würde ich das lustig finden, wenn die Menschen den Karneval und sich selbst darin nicht so bitterernst nehmen würden. Ich verlange ja nicht einmal Selbstironie, und das halte ich im Angesicht von 1,85m großen rosa Plüschkängurus mit Klopfergürtel für ziemlich großzügig!

Zuerst lautete der Titel dieses Beitrags "Warum ich den Karneval hasse", aber während ich schrieb, wurde mir klar: ich hasse den Karneval gar nicht. Nicht einmal seine mitunter militanten Botschafter schaffen es bis auf Hass. Ich kann bloß nicht verstehen, wie Menschen von einem Tag auf den anderen zu vollkommen ausgerasteten Vollidioten werden können, um wenig später wieder normal zu werden. Am Ende lautet meine Erkenntnis deshalb:



Und jetzt seid bitte stolz auf mich, weil ich kein einziges Mal "Faschisting" gesagt habe. Oh.

2 Kommentare:

  1. Ich verstehe Karneval auch nicht. Das mag daher kommen, dass mein Wohnort dort liegt, wo der Autor ursprünglich herkommt.
    Dieses kollektive Besäufnis mit rhythmischen Bewegungen zu debilen Kinderliedchen, das in einem wahllosen Rudelbumsen kulminiert, ist mir sogar zuwider.

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  2. Und ich geb mir so viel Mühe nicht bumsen zu schreiben ;-)

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